Bahn AG: Kein Herz für kleine Bahnhöfe
14 Januar, 2007
Der Hauptbahnhof in Berlin ist Europas größter und modernster Bahnhof. Das befand die Europäische Kommission und bezuschusste den Bau mit 33 Millionen Euro. Mehr als 800 Millionen Euro hat der Prachtbau insgesamt gekostet. Summen, die sich normale Menschen noch nicht einmal im Traum vorstellen können. Schon gar nicht in der Wirklichkeit, wenn sie im Heimatort in den Zug steigen. Denn dort sieht der Bahnhof bei weitem nicht so schick aus. Oft erfüllt er noch nicht einmal die dringendsten Bedürfnisse. So wie in Elmshorn, Tornesch und Pinneberg. Dringende Anliegen von Bahnkunden und Politikern wiegelt die bundeseigene Aktiengesellschaft ab.
Kein Geld für vergleichsweise winzige Baumaßnahmen? Das wundert, denn das Unternehmen gab im dritten Quartalsbericht 2006 beachtliche Zahlen bekannt. 19 Prozent (oder 3,5 Milliarden Euro) mehr Umsatz im Vergleich zum Vorjahr. Daran beteiligt waren auch fünf Prozent mehr Fahrgäste.
Ein paar Tausend davon wohnen im Kreis Pinneberg. Von Elmshorn fahren täglich etwa 7000 Menschen ab, von Tornesch 4000 (Zahl vom April 2003!) und von Pinneberg (geschätzt) etwa genau so viel wie aus Elmshorn. Selbst wenn die Summe „nur“ 15.000 Fahrgäste pro Tag ergeben sollte, stellt sich für die Bahn damit ein ganz schönes Ergebnis dar.
Ein Monatsticket aus den Städten bis nach Hamburg kostet im Schnitt 99 Euro. Zwei Monate Ferienzeiten abgezogen ergibt das im Jahr eine Summe von 15 Millionen Euro. Nun gut, es fahren nicht alle mit einem Monatsticket. Selbst wenn die Zahl halbiert wird, rechtfertigt das nicht die ablehnende Haltung der Bahn gegenüber den Anliegen der Städte und der Kunden.
Bahn eins
Elmshorn ist ein Knotenpunkt für Regionalbahnen auf der Achse Kiel-Flensburg. Dort gibt es drei Abfahrtgleise, von denen zwei für Menschen, die nicht gut zu Fuß sind, kaum erreichbar sind. Mütter mit Kinderwagen, ältere Menschen mit Gehhilfe oder Sportler mit Verletzungen gehören zu denen, die viel Zeit mitbringen müssen.
Denn ihnen bleiben nur die Treppen, um auf die beiden Gleise zu kommen. Seit 2004 kämpft die Stadt darum, dass die Bahn einen Fahrstuhl installiert. Die Pläne sind lange fertig. Immer wieder hat die Bahn vertröstet. Jetzt nehmen Landes- und Bundespolitiker die Bahn in die Zange. Ergebnis: offen.

Ein vertrauter verkrauteter Anblick auf vielen Bahnhöfen, die keine nationalen Knotenpunkte, sondern eben “nur” Gebrauchsbahnhöfe sind.
Bahn zwei
Tornesch ist Schleswig-Holsteins jüngste Stadt. Mit einem Einzugsbereich von 30.000 Menschen ist der Bahnhof stark von Pendlern frequentiert. Für sie wurden Park-and-Ride-Plätze auf beiden Seiten der Bahntrasse gebaut. Die Stadt plant seit mehr als zwei Jahren den Bau einer Fußgängerbrücke über die Schienen. Bisher müssen die Pendler eine kleine Biege durch einen Tunnel gehen.
Die Planungen waren schon weit gediehen, als ein Riss in der Abstimmung mit der Bahn entstand. Dem Unternehmen war aufgefallen, dass die Statik nicht stimmte. Die Stützen der Brücke müssen so gebaut sein, dass sie einem Zugaufprall (mit 160 Kilometern in der Stunde) standhalten. Ein Koordinator zwischen Bauherrin und Bahn wurde eingesetzt um zukünftig Vorschriften nicht zu übersehen. Baubeginn fraglich.
Bahn drei
Pinneberg ist Kreisstadt, sieht aber nicht so aus und riecht auch nicht so. Vor allem nicht am Bahnhof. Seit das eigentliche Bahnhofsgebäude von der Eigentümerin Bahn AG geschlossen wurde, gibt es dort keine Toilette. Reisende, die häufig längere Wartezeiten wegen nicht gerade optimaler Anbindungen in Kauf nehmen müssen, haben ein Problem. Sie benutzen ein nahe gelegenes Gebüsch.
Bisher ist es den Stadtvätern nicht gelungen, die Bahn AG von der dringenden Notwendigkeit einer Toilette zu überzeugen. Um den unwürdigen Zustand zu beenden, denkt die Stadt über eine alternative Möglichkeit nach, die sich trotz leerer Kassen verwirklichen lässt. Umsetzung ungewiss.

Wahrhaftig kein Aushängeschild für eine Kreisstadt mit 40.000 Einwohnern: Der Pinneberger Bahnhof.
Fazit
Die Bahn konzentriert sich auf wenige große Projekte und vernachlässigt die Basis ihres Geschäfts mit der Personenbeförderung. Dabei haben Fahrgastbefragungen gezeigt, wie alte Kunden gehalten und neue gewonnen werden können. Schnellere Verbindungen, mehr Personenzüge zu den Stoßzeiten, Pünktlichkeit , Zuverlässigkeit und besserer Komfort sind die wesentlichen Punkte.
Immerhin hat die Landesverkehrsgesellschaft (LVS) seit dem 6. Dezember 2006 ein Ventil geschaffen. Als Nikolausgeschenk richtete sie ein Fahrgastforum ein. Dort können registrierte Besucher kostenlos ihren Frust loswerden und mit anderen diskutieren. Und das sind allein in Schleswig-Holstein 26 Millionen Kunden im Jahr.
Entry Filed under: Kommunales, Vermischtes. Schlagworte: Bahn AG, Bahnhof, Elmshorn, Fahrstuhl, Pinneberg, Planung, Tornesch, Trassenkonferenz, Umbau, Versprechen, Zusage.
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