Auf gut Deutsch
21 Februar, 2007
Spätestens seit PISA ist allgemein bekannt, dass die deutsche Sprache kränkelt. Da konnte auch das ungeliebte Pflaster „Reform der Rechtschreibung“ keine Linderung verschaffen. Im Gegenteil zog und zwickte es nach dieser Behandlung an noch mehr Stellen als vorher. Inzwischen ist die neue Optik vertraut, die anfänglichen Schmerzen haben nachgelassen. Daran konnten Sprachfreunde sich gewöhnen. Nicht aber an die Tatsache, dass sich immer häufiger schlicht falsches Deutsch in Wort und Schrift breit macht. Hoffnung keimte bei Freunden der erkrankten Spezies „Deutsche Sprache“ auf, als sich die „Zwiebelfisch“-Kolumne von Bastian Sick anschickte, die Bestsellerlisten mit „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ anzuführen. Also gibt es doch noch Menschen, die sich für Ausdruck und Grammatik interessieren? Hurra! Besonders am heutigen „Internationalen Tag der Muttersprache“ ist Gelegenheit, die erkrankte Sprache bei ihrer Genesung zu unterstützen.
Der Patient ächzt und stöhnt. Ihm werden brennende Infusionen mit englischen Sprachfetzen verabreicht. Ihm werden Gliedmaßen mindestens verbogen, manchmal abgerissen und an anderer Stelle wieder angesetzt. Der häufige Gebrauch von Abkürzungen verursacht Atemnot in Form von Asthmaanfällen. Die Arthroseschmerzen in den Gelenken werden von Phrasen verursacht, die phantasielos immer und immer wieder verwendet werden. Alles nicht tödlich, aber beim Blick in den Spiegel stellt die Sprache fest, dass sie sich doch sehr zu ihrem Nachteil verändert hat.
Gewiss, wenn sie sich weiter entwickeln würde, neue Wortschöpfungen geschenkt bekäme, dann fände sie sich schön. Würde sich den zusätzlichen Schmuck wie einen Orden stolz an die Brust heften und das Gefühl genießen, beachtet und lebendig zu sein. Aber so?
Regelmäßige Besuche am Krankenbett helfen der Sprache. Sie fühlt sich beachtet und geliebt. Als ich das letzte Mal vorbei schaute, um mich nach ihrem Befinden zu erkundigen und ein bisschen auf wunde Stellen zu pusten, war sie überraschend guter Dinge. Immer mehr Menschen schauen inzwischen bei ihr vorbei.
Sie kümmern sich liebevoll um den korrekten Sitz der Gliedmaßen, ereifern sich über Behandlungsfehler und tragen ihre Geschichte weiter. Auf einige der Besucher ist die Sprache ganz besonders stolz. Sie wollen Schätze aus der Vergangenheit bewahren. Manche Sprachschützer haben sich gar zu Artisten des Wortes entwickelt, andere sehen es als lohnenswerte Aufgabe an, unsinniges Wortgut anzuprangern. Was die Sprache am meisten freut: Unter den Besuchern sind immer mehr jüngere Menschen. Das gibt ihr Hoffnung für die Zukunft.
In eigener Sache
Ich gestehe: Auch ich rede privat gelegentlich falsches Deutsch. Nachlässig eben, wie es in manchen Situationen passt. Aber ich weiß, dass es falsch ist. Wenn es beruflich wird, befleißige ich mich einer Ausdrucksweise, die sich mit den Regeln unserer Grammatik verträgt. Das kann ich leider nicht von allen Kollegen behaupten.
Immer wieder lese ich Sätze in Zeitungen, die mich das Gruseln lehren. Sprachliche Missgriffe in Redaktionen sind nicht nur ein Zeichen von Zeitnot oder Sparzwang bei Verlagen (ja, früher gab es hauptamtliche Korrekturleser!). Es soll sogar Chefredakteure geben, die Probleme mit ihrem Handwerkszeug – der Sprache – haben.
Immer wieder sondern Moderatoren von Radio- oder Fernsehsendern grammatikalisch sauber durchgeschüttelte Sätze ab. Und das völlig arglos in ansteckendem Gute-Laune-Ton. Über sprachliche Vergewaltigungen in der Werbebranche regt sich kaum noch jemand auf. Das soll so sein. Das schockiert, das bringt Aufmerksamkeit.
Da frage ich mich: Wer hat diese Leute und deren Texter eingestellt? Welche Eigenschaften muss ein Journalist, Texter oder Moderator mitbringen? Sicherer Sprachgebrauch gehört wohl nicht unbedingt dazu. Schade.
Entry Filed under: Meinung, Vermischtes. Schlagworte: Anglizismen, Denglisch, Deutsch, deutsche Sprache, Grammatik, kranke Sprache, Muttersprache, Rechtschreibreform, Rechtschreibung, Reform Rechtschreibung, Sprachfreunde, Wortwahl.
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1.
BlackDread | 26 April, 2007 at 20:56
So einen Artikel zu lesen macht richtig Freude =)!
Weiter so!
2.
Neulich bei der Zeitungsl&hellip | 28 Januar, 2008 at 12:01
[...] bis nicht existierender Begriffe wie Attraktivierung oder Ehrenämtler sind keine Einzelgänger. Arme Sprache, wirst so verletzt von denen, die dich eigentlich lieben [...]