Midgard-Projekt: Vom Mittelalter in die Zukunft

10 Juli, 2007 at 14:26 1 Kommentar

 

Kein Radio, kein Strom, keine Heizung, kein Supermarkt, keine Motoren, keine neuzeitliche medizinische Versorgung. Stattdessen Feldarbeit von Hand, offenes Feuer zum Kochen, Schlafstätten abseits jeden Komforts. Wenn normale Menschen an ein Leben im Mittelalter denken, überkommt sie kaltes Grausen. Ja gut, der Besuch eines mittelalterlichen Spectaculums ist etwas anderes. Ein Ausflug zu Gauklern und Marktschreiern. Das macht Spaß. Trotzdem wächst die Zahl derer, die ernsthaft eine mittelalterliche Lebensform der heutigen Wohlstandsgesellschaft vorziehen. Was sind das für Leute? Zwei wollen sich in der Haseldorfer Marsch einen historischen Traum erfüllen. Und sie sind alles andere als Spinner.Ein Abend am Kamin vor zweieinhalb Jahren: Der Handwerker Bernard Haarmeyer (45) und der Finanzmakler Wolfram Rittker (37) hängen ihren Träumen nach. Die beiden sind fasziniert vom Mittelalter. Ein Dorf, in dem Menschen leben wie in der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts, entsteht in ihren Köpfen. Warum sollen sie so etwas nicht auf die Beine stellen können?
Schlesig-Holsteins Umweltminister Dr. Christian von Boetticher (Mitte) läßt sich von Wolfram Rittker (links) und Bernard Haarmeyer das Midgard-Projekt erklären.

Ein Konzept für ein altsächsisches Dorf entsteht, Träger des “Midgard-Projekts” soll eine Stiftung werden, an der sich jeder beteiligen kann. Kooperationspartner für die Idee werden erfolgreich gesucht, ein zehn Hektar großes Grundstück finden die beiden am Rand von Hamburg, in der Haseldorfer Marsch. Die Idee: Besucher und Bewohner sollen auf dem Areal zwischen Haseldorf und Haselau die Wohn- und Wirtschaftshäuser selbst bauen. Nach historischen Vorlagen, mit alten Materialien und Nachbauten authentischer Werkzeuge.

Kern der geplanten Anlage soll ein Nachbau der Hammaburg werden. „Von historischen Schilderungen wissen wir recht genau, wie die ausgesehen hat“, berichten die beiden Geschichtsfreunde. Ihnen schwebt eine Kreuzung aus Freizeitpark für Aktive und Forschungsstätte vor, in der tatsächlich Menschen leben und wirtschaften. „Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen“, wollen Haarmeyer und Rittker.

Keine Frage, dass vor allem Umweltgedanken dabei eine Rolle spielen. Natürliche Abfall- und Abwasserkreisläufe sollen entstehen. Eine Komposttoilette ist geplant, eine Tiefenbohrung von 3000 Metern soll für Energie ohne CO2-Ausstoß sorgen. Denn verqualmte von offenem Feuer beheizte Häuser schaden den Bewohnern. Die Erdwärme ist auch gut für die “normalen” Bürger des Dorfes: Sie können ihre Häuser anschließen lassen. Ein Zentrum für alternative Medizin entsteht in direkter Nachbarschaft. Dort werden zwei Ärztinnen, Haarmeyers Frau und Schwiegermutter, praktizieren.

Das Gesamtkonzept stellten die beiden Visionäre an Ort und Stelle vor. Bundes-, Landes- und Kommunalpolitiker zeigten sich von den Ideen beeindruckt. Ob sie tatsächlich umgesetzt werden können, sollen Haseldorfs Bürger im Rahmen einer Einwohnerversammlung entscheiden. „Egal wie das ausgeht, wir werden auf jeden Fall hier wohnen“, versichern die beiden. Haarmeyer ist mit seiner Familie bereits in einen alten Bauernhof eingezogen, Rittker wird ein angrenzendes historisches Gebäude in Zukunft sein Zuhause nennen.

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