Midgard-Projekt: Ortspolitik legt Bremsklötze aus
24 Juli, 2007 at 16:58 2 Kommentare
Wer sich mit altägyptischer Kultur beschäftigt, betet den Sonnengott an. Wer sich für die Geschichte der Maya interessiert, befürwortet Menschenopfer. Wer die Kultur der alten Germanen spannend findet, hat eine rechte Gesinnung. Diese Behauptungen sind genau so wahr wie „Alle Deutschen sind Judenhasser“ oder „Alle Deutschen tragen Lederhosen und essen Sauerkraut“. Trotzdem ist – gerade wenn es um die nationalsozialistische Vergangenheit und Gegenwart geht – Vorsicht nie verkehrt. Das finden auch die Haseldorfer Gemeindevertreter. Während ihrer letzten Sitzung vor der Sommerpause diskutierten sie das Midgard-Projekt in ihrem Dorf. Dort wurde Angst vor der möglichen Nähe zu Nazis geschürt. Steht der Plan, ein frühmittelalterliches Dorf zu erbauen damit auf der Kippe?
Wesentlichen Anteil an der negativen Stimmung hat laut Berichterstattung des Wedel-Schulauer Tageblatts und der Uetersener Nachrichten (Artikel) Thomas Hölck (SPD), Gemeindevertreter und Landtagsabgeordneter aus Haseldorf. In Midgard-Foren habe er Chat-Beiträge gefunden, die auf rechte Tendenzen hindeuten.
Zunächst und hauptsächlich, was Herrn Hölck wohl nicht bekannt ist, sind diese Foren der Tummelplatz von Rollenspielern. Wer in seinem Spielcharakter steckt, benutzt auch dessen Namen und Eigenarten. Das kann auf Außenstehende mitunter ziemlich merkwürdig wirken.
Es ist unbestritten, dass Menschen rechter Gesinnung sich gern im urgermanischen Umfeld aufhalten. Ist das Grund genug, um die Midgard-Stiftung in die Nähe von Sympathisanten zu rücken? Die Initiatoren Bernard Haarmeyer und Wolfram Rittker haben „jegliche Berührungspunkte zur rechten Szene vehement zurückgewiesen“, wie das Wedel-Schulauer Tageblatt schreibt. Auf der Startseite der Stiftung wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sie sich „gegen Rechts, offen für alle Kulturen und Menschen“ sieht. Außerdem: Was können die Germanen dafür, dass die Nationalsozialisten sich ihrer Symbolik und ihres Kults bedient haben?
Doch die Befürchtungen des Thomas Hölck gehen noch weiter. Wie berichtet wurde, wittert der SPD-Mann auch Konkurrenz für den örtlichen Handel. Direktvermarkter, Hofcafés, Restaurants, Kindergarten und Ärzte könnten wirtschaftliche Einbußen erleiden, sorgt er sich.
Laut Projektplan ist im historischen Dorf einmal monatlich ein Markttag geplant. Mit dem Verkauf selbst produzierter Waren und Lebensmittel und dem typischen Markttreiben des frühen Mittelalters. Anders herum wird wohl eher ein Schuh daraus: Wenn der Markttag viele Besucher anzieht, können Handel und Gastronomie des Ortes davon profitieren.
Wenig Substanz haben die Bedenken für den örtlichen Kindergarten. Die Eltern, die ihre Kinder im geplanten mittelalterlichen Dorfkindergarten anmelden wollen, werden das tun, weil sie eben den „normalen“ Kindergarten nicht wollen. Waldkindergärten wurde ähnliches unterstellt. Hat ihretwegen auch nur eine Kindergartengruppe geschlossen?
Ein Zentrum für alternative Heilmethoden soll unabhängig vom altsächsischen Dorf in direkter Nachbarschaft entstehen. Dort werden sich Menschen behandeln lassen, die Vertrauen zur Art und Philosophie der Behandlungsmethoden haben. Gehört es neuerdings zu den kommunalpolitischen Aufgaben, den Patientenfluss für ortsansässige Vertreter der Heilberufe zu sichern?
Genau so wenig, wie den Betreibern des Dorfes die Möglichkeiten wirtschaftlichen Erfolgs vertraglich zu beschneiden. Das aber soll geschehen. CDU-Mann Volker von Stamm fordert, so ist bei den Uetersener Nachrichten zu lesen, einen Vertrag zwischen der Gemeinde Haseldorf und der Midgard-Stiftung. Darin sollen verschiedene Parameter festgezurrt werden. Unter anderem die Zahl der Besucher.
In Haseldorf sollen nicht mehr als 10.000 pro Jahr zugelassen werden. Natürlich spielt die Menge eine Rolle bei der Planung von Straßen und Parkflächen. Aber ist eine Beschränkung praktikabel? Muss ein Familienmitglied draußen warten, wenn es zufällig Nummer 10.001 ist? Muss das Dorf geschlossen werden, wenn die Besucherzahl erreicht ist?
Nur wenige Tage nach der Sitzung des Gemeinderats meldeten sich die Christdemokraten – ebenfalls in den Uetersener Nachrichten – zu Wort. Minister Christian von Boetticher (CDU) sieht demnach keine Nazi-Anfänge, deren er sich erwehren muss. Und Bürgermeister Heinz Lüchau (CDU) wies darauf hin, dass die Initiatoren Haarmeyer und Rittker seit Beginn des Jahrtausends der CDU angehören. Nach der Sommerpause wird weiter diskutiert.
Eintrag abgelegt unter Kommunales, Meinung, Menschen, Vermischtes. Tags: Haseldorf, indogermanisches Dorf, Midgard-Projekt, Mittelalter, Mittelalterdorf.
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1.
Regenpfeifferin | 28 Juli, 2007 um 1:13
Ich fürchte, das Midgard-Projekt wird in Haseldorf scheitern.Es gibt gutsituierte Leute, die sind aus der Großstadt Hamburg nach Haseldorf gezogen und wollen jetzt, dass das Dorf ein stilles, beschauliches Schlafdorf bleibt. In Leserbriefen wird gegen Tourismusförderung gewettert. Chancen für eine umweltverträgliche Entwicklung und werden ignoriert. Da wird den Midgard-Leuten braune Gesinnung unterstellt – eine Vorverurteilung, die Unschuldsvermutung scheint nicht zu gelten. Schade, ich denke, da wird eine Chance vertan.
2. Midgard-Projekt: Bürger außen vor « Interessantes aus Schleswig-Holstein | 9 Januar, 2008 um 16:11
[...] dann tauchten Verdächtigungen aus Reihen der SPD auf. Während einer Informationsveranstaltung wurde weiter Stimmung gegen die Initiatoren und das [...]