Posts filed under 'Kolumne'
Neulich mit Fress-Blues
„Ich will niiieee wieder was essen.“ Ein Stoßseufzer am Telefon. Und das noch vor Weihnachten. Wie soll das denn weiter gehen? Diverse Festtagsschmause im Kreis von Familie und anderen netten Menschen, üppiges Silvesterbüfett und die endgültige Vernichtung von Schokolade, Keksen und Co liegen doch noch vor uns. „Meine Klamotten kneifen überall.“ Auch so ein Zeichen von faulen guten Tagen. „Ich hatte wirklich keine Zeit für Sport.“ Ja, so nennen momentan viele ihren Bauch. Aber sie geloben durch die Bank Besserung – wenn denn erst mal die fetten Tage vorüber sind. Sport steht wieder auf dem festen Wochenprogramm und gesundes Essen ohne Soße, Süßigkeiten und Alkohol. Damit werden sie alle fit für die kommenden österlichen Genüsse. Gute Vorsätze wie „Mäßigung“ sind bis dahin wahrscheinlich auch wieder vergessen. Geht es uns nicht gut?
Add comment 4 Januar, 2009
Neulich beim Rudelgucken
Viele Leute sitzen zusammen. Alle Gesichter sind in die selbe Richtung gedreht. Wie von Zauberhand halten alle gleichzeitig die Luft an, klatschen, jubeln oder pfeifen und stöhnen missbilligend. Ganz nebenbei steigt der durchschnittliche Konsum von – häufig alkoholischen – Getränken. Das freut die gastgebenden Wirte. Klar, die Menschen sehen sich gemeinsam ein Fußballspiel an. Macht richtig Spaß in großer Runde auf großer Leinwand. Allerdings ist der Spaß zu Ende, wenn Sprachfreunde darüber nachdenken, was sie dort eigentlich tun. Public viewing. Gemeinsam öffentlich gucken soll mit dem Begriff beschrieben werden. Gibt es denn dafür kein deutsches Wort? Doch, gibt es. Zumindest Ideen. Die Aktion Lebendiges Deutsch schlägt Schau-Arena vor. Im Kollegenkreis wurde Rudelgucken erdacht, wahlweise abgemildert zu Gruppengucken. Weitere kreative Ideen sind nicht nur willkommen, sondern absolut notwendig. Denn das, was hierzulande Stimmung (je nach Ausgang der Partie von ausgelassen-fröhlich bis zu niedergeschlagen-entsetzt) in einer Fremdsprache macht, ist absolut kein Grund zum Freuen. Andernorts beschreibt „public viewing“ eine öffentliche Aufbahrung.
1 comment 15 Juni, 2008
Neulich auf dem Parkplatz
Es ist nicht so einfach, in der Flensburger Innenstadt einen Parkplatz zu finden. Zumindest nicht so einen, der den ganzen Tag über kostenfrei genutzt werden kann. „Hier können wir parken“, hatte ein Geschäftsmann herausgefunden und steuerte seine Limousine auf einen freien Platz. „Aber da ist doch eine Kette“, wandte sein Kollege und Mitfahrer ein. „Die ist immer offen. Ich habe hier schon oft gestanden.“ Ist doch immer beruhigend, einen Insider an der Seite zu haben. Am Ende eines sehr langen Arbeitstages dann die Überraschung: Kette vor, Auto eingeschlossen. Aber Manager wären nicht erfolgreich, wenn sie keine Ideen hätten. Kurzerhand stellte sich einer der beiden gut gekleideten Anzugträger auf die Kette, die lust-lose zwischen Schloss und Pfahl hing und spannte sie damit. Er forderte den anderen auf, Kette oder Schloss mit einem herzhaften Sprung auf die Eisenglieder zu sprengen. Mehrere Hopsversuche: Füße brannten – Kette hielt. Den großen Wagen drüberfahren? Zu riskant für die Hinterachse. Die Lösung nahte in Form einer Frau, deren Wagen ebenfalls eingeschlossen war. Kette zu zweit anheben während ein Wagen durchfährt. Feierabend gerettet.
Add comment 19 März, 2008
Neulich bei der Zeitungslektüre
Da liegt sie. Ruhig und meist in schwarz gewandet vermittelt sie kein Gefühl von Gefahr. Oder sind bei genauerem Hinsehen nicht ihre Konturen fransig? Schimmert da nicht eine gewisse hinterhältige Bosheit durch? Etwas Schlimmes muss sie jedenfalls an sich haben, die Schrift, die da auf dem Papier ihr Dasein fristet. Denn sie wird bewacht. Wie sonst ist der Begriff Schriftwärterin zu verstehen?
Abschied an der Haustür. Sie drückt ihm ein Küsschen auf die Wange und sein Pausenbrot in die Hand. „Stehl gut“ lächelt sie ihn an. Keine Frage, welchem Beruf er nachgeht. Was er nach getaner Arbeit nach Hause bringt, ist logischerweise Stehlgut. Ein Begriff den der Duden nicht kennt, aber die Polizei. Bei Diebstählen taucht er gern in Meldungen der Polizeipresseabteilung auf.
Häufig ist diese Spezialprosa später auch in der Zeitung zu finden. Und sie ist nicht allein. Merkwürdige Wortschöpfungen oder Wiederholungen falscher bis nicht existierender Begriffe wie Attraktivierung oder Ehrenämtler sind keine Einzelgänger. Arme Sprache, wirst so verletzt von denen, die dich eigentlich lieben sollten.
1 comment 28 Januar, 2008
Neulich im Wohngebiet
Herrje, warum fährt der denn so langsam? Der Fahrer des Pkw ist ungeduldig, rückt seinem Vordermann dicht auf die Stoßstange. Doch der schleicht unbeirrt mit deutlich weniger als 20 Kilometern Geschwindigkeit durch die Wohnstraße. Eine nervliche Zerreißprobe auf dem Weg zum Termin. Die Tatsache, dass bereits der dritte Radfahrer überholt hat, entspannt auch nicht. Uups, da war doch ein blaues Schild? So eines mit Haus, Vater-und-Kind-spielen-Ball und einem Auto im Hintergrund drauf. Aha, das hier ist eine Spielstraße! Na gut, der Fahrer will ja kein Spielverderber sein. Sechs Stundenkilometer sind gestattet. Er reißt sich zusammen und fixiert den Tacho. Was kann er anderes bei dem Geschleiche auch tun? Im zweiten Gang einfach rollen lassen, lautet die Empfehlung in solchen Fällen. Aber sein Auto will nicht mitspielen. Der Motor fängt an zu stottern. Gelegentlich braucht das Gaspedal einen kleinen Schubs. Und schon zeigt der Tacho 15 an. Der Vordermann biegt ab, die Situation entspannt sich. Also doch lieber entspannte 20 oder so fahren. Das ist doch wirklich langsam genug. Und gleich ist die Straße sowieso zu Ende. Zing! Ein Blitz. Erwischt.
Add comment 8 Oktober, 2007
Neulich am Ferienende
Samstagmorgen, Bushaltestelle Hörnum-Mitte auf Sylt. Kofferbewehrte Menschen wollen zum Westerländer Bahnhof. Gut, dass der Bus bei dieser zweiten Station noch recht leer ist. Alle finden einen Platz für sich, ihre Kinder, Kinderwagen und sonstiges Gepäck. Nur wenige Haltestellen später hat sich das Bild komplett geändert. Dort, wo eigentlich Kinderkarren stehen könnten, drängeln sich Koffer. Erste aggressive Stimmung unter den Fahrgästen. Eltern nehmen Kinder auf den Arm, Hundebesitzer stellen sich breitbeinig schützend über ihre Tiere. Keiner kommt mehr durch in dem langen Gefährt. Schon ungünstig, dass es Fahrscheine nur beim Fahrer gibt. Was soll’s? Kontrolleure kämen sowieso nicht durch. An der nächsten Station stapelt eine offensichtlich bestens erholte Dame schwungvoll diverse große Rollenkoffer um mehr Platz zu schaffen. Derweil drückt sich ein männlicher Fahrgast so sehr vor Mithilfe, dass er zu zwei Dritteln einer Dame auf dem Schoß sitzt. Ja, nehmen Sie doch Platz, kann ich Ihnen einen vielleicht noch Kaffee anbieten? Buggys werden gefaltet, kleinere Reisetaschen erbarmungslos zusammen gequetscht. Schade um zerbreckliche Mitbringsel. Und es passen immer noch mehr Menschen mit Gepäck in den Bus. Wenn niemand aussteigen will, stoppt der Fahrer nicht mehr an den nächsten Haltestellen. Endlich Westerland Bahnhof! Eine erleichterte Menge quillt aus dem Bus. Eine Situation, die sich regelmäßig so oder ähnlich abspielt. Was hindert die Sylter Verkehrsbetriebe eigentlich daran, an traditionellen Wechseltagen zwei Busse in kurzen Abständen einzusetzen? Die Kosten können es kaum sein. Immerhin bezahlt jeder Fahrgast so man ihn denn lässt für diese Strecke 3,70 Euro und investiert reichlich Nerven am Abreisetag. Kundendienst und Fremdenverkehrsförderung hört nicht am Strandübergang auf.
2 comments 3 September, 2007
Neulich bei der Nachwuchsförderung
Baustelle mitten im Wohngebiet. Einige hundert Meter Straße werden wegradiert. Koplett neu gemacht inklusive unterirdischer Leitungen, Gehwege, Bepflanzung und Asphaltdecke. Das geht nicht so schnell, nicht sauber, nicht leise und nicht ohne Behinderungen. Die Anwohner sind nur mäßig begeistert. Alle Anwohner? Nein, eine kleine Gruppe ist sehr angetan von den Dingen, die sich da vor der Haustür ereignen. Riesengroße Maschinen und die Männer, die sie bedienen, wollen bewundert werden. Dafür sorgen die Kinder der Straße. Sonst tut es ja eh keiner. Obwohl: Bei schönem Wetter ziehen die muskulösen Körper doch den einen oder anderen bewundernden Blick auf sich. Besonders ein Dreikäsehoch ist stark interessiert. Jeden Tag kommt er mit seinem Kettcar angefahren. Ja, ein Bürgersteig wird zumindest ansatzweise für Benutzung frei gehalten! Der Knirps beobachtet einige Tage lang genau, was die Arbeiter so treiben. Dann beginnt er, sich einzumischen. Weist auf Dinge hin, fragt, kommentiert. Vorsicht, Junge! Da könnte Gefahr der autoritären Art im Verzuge sein. Die Arbeiter reagieren außerordentlich freundlich. Erklären, was sie tun und warum gerade diese und keine andere Reihenfolge nötig ist. Es gibt sicher schlechtere Wege, um den Nachwuchs an die Baubranche heranzuführen.
Add comment 6 August, 2007
Neulich in der Gastwirtschaft
Ein kleines gemütliches Lokal auf dem Land. Nur fünf Tische rund um den Tresen. Da kennt man sich noch, hat keine Berührungsängste. Die Küche soll dort legendär gut sein. Das glaubt jeder, der die Leute am Nachbartisch zwangsläufig bei ihrem Gespräch belauscht. Zwei Paare im fortgeschrittenen Stadium sprechen beim Essen übers Essen. Wer wann was mit wem zusammen. „Iiiiii Spinat mag ich nicht, hat die Elisabeth gesagt.“ Danke für die Mitteilung. Diese Ankündigung ist von solch weltbewegender Tiefe, dass sie ordentlich laut gemacht werden muss. Das haben sie sicher bis in die Küche gehört. Alles gar nicht so schlimm, denken die anderen Gäste nachdem sie die Schrecksekunde überlebt haben. Leider ist es nicht zu überhören: Es wird mit vollem Mund gesprochen. Auch als die süßen kulinarischen Verlockungen an der Reihe sind, ändert sich das leider nicht. Es hebt auch nicht die Stimmung der anderen, zu erfahren, dass eins der Paare heute zweimal beim Bäcker war, weil sie solche Lust auf Kuchen hatten. Sich auf das eigene – wirklich sehr gute – Essen zu konzentrieren ist der einzige Ausweg.
Add comment 19 Juli, 2007
Neulich beim Stadtfest
Hey, es ist Sommer! Das hat Petrus zwar im Moment noch nicht mitgekriegt, ist halt schon ein bisschen verpeilt, der gute Alte, aber zur kalendarischen Sommerzeit passende Feste gibts ohne Ende. Und Leute, die gewillt sind, sie sommerlich zu begehen, egal was das Thermometer sagt. Gekrempelte T-Shirtärmel scheinen bei Männern in dieser Saison ein Muss zu sein. Besonders bei denen, die ein bis viele Tattoos auf den Oberarmen haben. Logisch, dass die Schmuckstücke auch gezeigt werden sollen. Da haben dann alle etwas von den Investitionen in Hautmuster - egal ob sie hübsch ausgefallen sind oder eine optische Umweltbelastung darstellen. Schade nur, dass bei vielen Bebilderten der Unterbau schlicht nicht stimmt. Drachen oder kunstvolle Ornamente wirken auf einem schwellenden Bizeps glaubhaft, auf einem nicht trainierten Oberarm ziemlich traurig. Ein runder Bauch gilt nicht als Ausgleich!
Add comment 11 Juli, 2007
Neulich bei Penny
„Da müssen sie die anderen Kunden fragen“, sagt die Kassiererin. Eine nicht mehr ganz junge Dame hat sich hektisch an der Schlange der Wartenden vorbeigequetscht und die Kassiererin angesprochen. Die Kundin würdigt die Wartenden mit keinem Blick. Sie hält der Kassiererin einen Leergutbon hin und bekommt ihr Geld. „Ich hätte gern den Angebotsprospekt“, fordert sie die Kassenfee auf. Erstes Stirnrunzeln bei den Wartenden macht mittlerer Empörung Platz. Die erhebt sich halb von ihrem Sitz, guckt in die Ecke, wo die Prospekte normalerweise liegen. Nichts. „Die sind weg“, stellt sie fest. Da ist sie aber an die Falsche geraten! „Heute ist der Tag, an dem die Sonderangebote herauskommen und ich will einen Prospekt haben, das ist ja wohl mein Recht“, lamentiert die Dränglerin. Es stört sie kein bisschen, dass sie alle anderen durch ihre rücksichtslose Aktion aufhält. Die Marktleitung wird gerufen, die eilige Frau geht beiseite und gestattet damit immerhin, dass der nächste Kunde seine Waren bezahlen kann. Dann haut die Eilige wieder dazwischen: „Ich verliere ja meinen ganzen Zeitgewinn, wenn ich hier noch länger warten muss.“ Da hört doch alles auf! Fassungsloses Zähneknirschen bei allen anderen. Sie gönnen der Frau die Verzögerung von Herzen, so viel ist klar. Aus schierer Rücksicht auf die sichtlich genervte Kassiererin schwingt sich keiner zu einem Streit mit der Prospekte-Frau auf. Alle hoffen nur noch, dass dieses unangenehme Intermezzo bald vorbei sein möge. Womit bewiesen ist, dass junge Leute – trotz häufig gegenteiliger Behauptungen – kein Monopol auf Egoismus haben.
Add comment 24 Mai, 2007